Start des Projekts „Fit für Deutschland“

In Deutschland – in Sicherheit. Das ist für viele Flüchtlinge das Wichtigste. Und dann? Wildfremde Menschen leben dicht gedrängt in Containern, Landsleute finden sich, man redet, telefoniert nach Hause, ist zum Nichtstun verurteilt, hat praktisch keinen Kontakt zur deutschen Umgebung. Lebt in einem Migranten-Raumschiff, glücklich gelandet in einem fremden kalten Land.

Und die Deutschen? Manche, nein viele, möchten gern in Kontakt zu ihren neuen Nachbarn kommen, Brücken bauen oder wenigstens kleine Stege legen. Ein solcher Versuch ist unser Projekt Fit für Deutschland, dessen Auftakt jetzt in der Erstaufnahme-Einrichtung Oktaviostraße war. Die Grundidee: Jeweils drei aus unserem Team erzählen etwas über Deutschland und die Deutschen. Von politischen Dingen angefangen über die Rolle von Mann und Frau bis zur weltberühmten Pünktlichkeit und dem leckeren Brot. Dann Diskussion. Wir denken an 25 bis 30 Teilnehmer pro „Workshop“. Der erste soll auf Englisch stattfinden, die weiteren zweisprachig: Deutsch-Arabisch, Deutsch-Dari (Afghanen) und Deutsch-Sorani (Jesiden), also jeweils mit Übersetzer. Wird es funktionieren? Jedenfalls hängen hier und da im Camp die Ankündigungs-Zettel.

Der erste Abend also, 18 Uhr. Die ersten kommen. Einige gehen noch mal raus und kommen mit Verstärkung zurück. Offenbar arbeitet die Camp-Kommunikation für uns. Bald sind alle Sitzbänke belegt, an die 30-40 Teilnehmer, ein Drittel Frauen.

Laura, Jonas und Mohamad sind das erste Team. Mohamad kam vor acht Monaten aus Syrien – wir fanden es reizvoll, dass nicht nur Deutsche über Deutschland reden, sondern auch ein (wie wir es nennen) „erfahrener Migrant“.

Die Atmosphäre ist ein bisschen unruhig, ein Junge klopft ans Fenster, er setzt sich eine Weile dazu, er geht wieder. Nichts ist perfekt, die kleinen Referate haben schon angefangen, immer noch geht die Tür auf und zu, aber die Hauptsache klappt trotzdem: Wir kommen ins Gespräch. Ein Teilnehmer ist enttäuscht, dass manche Deutsche kaum reagieren, obwohl er mit einem astreinen „Moin“ grüßt. Schnell herrscht Einigkeit, dass es halt solche und solche gibt.

Und manchmal dreht sich das Gespräch: Während sie eben noch etwas über Deutschland erfuhren, lernen wir plötzlich etwas über ihre Heimat, als zwei Syrer heftig über ihr Land streiten, das sie offenbar recht unterschiedlich sehen. Der eine stammt aus Damaskus, der andere aus dem Nordosten. Womöglich würden ein Bayer und ein Hamburger auch recht unterschiedliche Deutschlandbilder vermitteln. Der Nordost-Syrer ist armenischstämmiger Christ, erzählt er später, aus Rakka, der jetzigen IS-Hochburg. Seine Vorfahren sind vor hundert Jahren vor dem Völkermord in der Türkei geflohen, „und jetzt musste ich fliehen!“ – Eine Somalierin hat eine Frage: „Die Syrer werden hier schnell als Flüchtlinge anerkannt, weil dort seit fünf Jahren Bürgerkrieg ist. Und wir? Wir müssen warten, obwohl bei uns seit 25 Jahren Bürgerkrieg ist!“ Berechtigte Frage. Wir stellen noch mal klar, dass wir nicht Teil der deutschen Regierung sind.

Das Gespräch kommt auf die deutsche Flüchtlings-Debatte. Alle haben „Köln“ im Kopf. Ein Teilnehmer ist empört: „Darüber wird doch nur so viel geredet, weil es diesmal Migranten waren und nicht Deutsche.“ – Wir müssen erst mal Luft holen. „Diesmal? Entschuldigung, so etwas hatte es in dieser Form noch nicht gegeben.“ Dann weiter: Warum die deutschen Medien immer so negativ über die Flüchtlinge berichten. Wir versuchen deutlich zu machen, dass die deutsche Debatte eher in die Gegenrichtung läuft: dass manche „die Medien“ beschuldigen, zu flüchtlingsfreundlich zu berichten und die Probleme herunterzuspielen.

Es wird gestritten, es wird gelacht. „Die Flüchtlinge“ bekommen Gesichter und „die Deutschen“ wohl auch. Ins Gespräch kommen, das war das Ziel. Wir sind zufrieden – und diskutieren danach schon über die nächsten Schritte. Sollen wir den nächsten Workshop ähnlich anlegen? Werden dann dieselben kommen und sich langweilen, oder schaffen wir es, immer neue Bewohner zu erreichen? Ob wir unsere schon vorbereiteten Anmelde-Listen zum Einsatz bringen und damit mehr Verbindlichkeit schaffen? Noch wirkt die Teilnehmerzahl kaum kalkulierbar. Wann starten wir mit thematischen Schwerpunkten, die wir im Kopf haben: Wie lerne ich Deutsch? / Arbeiten in Deutschland / Aufenthalt und Einbürgerung / Frauen und Familie / Deutsche Traditionen und regionale Unterschiede / Wie sehen die Deutschen die Flüchtlinge?

Es ist ein bisschen, als säßen wir schon auf dem fahrenden Wagen und müssten unterwegs immer weiter daran herumschrauben. Nennen wir es mal Work in progress.

W.M.

Fit für Deutschland- team 1Das Referententeam: von r. n. l. Jonas, Laura, Mohamad ganz links Wolfgang